Mittwoch, 21. Januar 2015

Auf der Suche nach der Moosknukkl Groovband

English version


Mitte der 80er-Jahre erwarb ich spontan auf einem Flohmarkt für 50 Pfennige eine Platte mit einem Elchkopf vorne drauf. Entstanden war sie offenbar im Jahr 1972. Der Name Conny Plank, Produzent der Platte, war mir ein Begriff, doch komischerweise fanden sich in keinem Lexikon und keinem Buch Hinweise zur Moosknukkl Groovband, auch Plattenhändler zeigten sich hilflos. Eine LP, aufgenommen von einem bekannten Produzenten in einem renommierten Studio - und nichts darüber war herauszufinden? Mysteriös. Erst fast drei Jahrzehnte später sollte es gelingen, das Rätsel zu lösen...


Bis dahin war ich auf den spärlichen Informationen von der Plattenhülle festgesessen. Die Moosknukkl Groovband hatte demnach aus Mike Lewis (keyboards, percussion) Tommy Graham (Gitarre, Percussion, Gesang), Brother Josh (Schlagzeug, Gesang), und John Morton (Bass, Gesang) bestanden. Waren es Engländer? Amerikaner? Unbekannt. Gängige Rock-Lexika wussten über diese Personen nichts. Anders war das bei Produzent Conny Plank, der nicht nur als Krautrock-Mastermind bekannt geworden war, sondern auch für das erste Scorpions-Album, das Debüt von Ultravox und für Hits der Eurythmics an den Reglern gesessen hatte.
 
Moosknukkl Groovband, Spiegelei Label
Die sechs Songs der Platte oszillieren zwischen schnellem Bluesrock (Run For Your Life), Psychedelic (Nahi Bole) und Boogie Rock (That ain't all). Eine nette 70er-Platte, die für die damalige Zeit aber auch nichts wirklich Neues mehr vorzuweisen hatte. Aufgenommen worden war sie im Jahr 1972 in den Windrose-Dumont Studios in Hamburg und erschienen auf dem Spiegelei-Label, dem einstigen Krautrock-Ableger der Plattenfirma Intercord. Soweit zur Informationslage in den 80er-Jahren.

Das Internet kommt

Mehr als zweieinhalb Jahrzehnte später hatte das inzwischen entstandene Internet die Welt verändert und zur Moosknukkl Groovband wenigstens ein paar Details zu bieten. Plattensammler vertrieben die LP für bis zu dreistellige Eurobeträge. Und zumindest Keyboarder und Song-Autor Mike Lewis erhielt über wenige Netzeinträge beispielsweise aus dem Krautrock-Musikzirkus ein kleines Stück Identität. Er sei Kanadier, behaupteten Quellen (Beispiel), hatte Mitte der 60er-Jahre in München Komposition studiert und danach mit einem Zirkel in Deutschland arbeitener Komponisten, die gerade dabei waren, aus dem Bereich der Neuen Musik in die experimentelle Klangerzeugung vorzustoßen, ein paar Projekte ins Leben gerufen. 

Zusammen mit dem amerikanischen Komponisten und Perkussionisten Michael Ranta, dem Kölner Musikdozenten Karl-Heinz Böttner und mit Conny Plank an der Studio-Elektronik hatte er 1970 unter dem Projektnamen Wired zwei Stücke für die auf Grammophon erschienene LP "Free Improvisation" aufgenommen. Seite eins der Platte gibt's hier auf Youtube. Wenige Monate später spielten Lewis, Ranta und Plank das Werk Mu ein (Hörproben: 1/1 und 1/2). Veröffentlicht wurden die Aufnahmen allerdings erst im Jahr 2010, als Ranta Mu auf dem belgischen Label Metaphon als limitierte Ausgabe veröffentlichte. 
Wer tiefer gräbt, findet auch Radioeinspielungen von Ranta und Lewis, beispielsweise im Ensemble von Josef-Anton Riedl. Ironie der Geschichte: Während die LP mit der Groovband in der Versenkung blieb, kann man Mike Lewis noch heute im Radio hören, so lief eine Riedl-Komposition am 6. Juni 2014 im Bayerischen Rundfunk (Programm S. 49).  

Im Jahr 1971 dann erschien noch die LP Wuschel, der Credits nach nur noch von Lewis und Plank eingespielt. Musikalisch ist hier der Weg zur MG bereits eingeschlagen: Wuschel enthält orgel-orientierten Bluesrock.

Google allein reicht nicht

Im Begleittext der CD Mu ist angedeutet, dass man auch beim Metaphone Label nicht wusste, was aus Mike Lewis geworden war. Internet-Suchen halfen man auch nicht weiter, zumal die Suche nach einem Mike Lewis per Google ungefähr so erfoglreich sein konne wie nach John Smith. Auch die Bandkollegen John Morton und Tommy Graham hatten Allerweltwsnamen, und „Brother Josh" war vermutlich nicht mal der richtige Name gewesen. Zudem mussten die Rocker von damals heute um die 70 Jahre alt sein - keine gute Voraussetzung für aktuelle Internetpräsenz. 

Wen konnte man fragen? Das Spiegelei-Label existierte nicht mehr. Studio-Mastermind und Lewis-Weggefährte Conny Planck war schon 1987 verstorben. Anders Michael Ranta: Lewis' Kollege aus dessen experimentellen Phase lebte laut einer Google-Suche in Köln und betrieb dort eine Handlung für asiatische Musikinstrumente. Per Mail angefragt, meldete sich Ranta nach ein paar Tagen: Ja, im Rahmen der Veröffentlichung von Mu hätte er selbst versucht, "in mühsamer Arbeit" etwas über den Verbleib von Lewis herauszufinden - vergeblich. Hinweise, die Ranta von kanadischen Behörden bekommen hatte, hätten gar darauf hingedeutet, dass Lewis gar nicht mehr lebte. "Er ist sehr wahrscheinlich gestorben, aber wir bekamen keine Bestätigung dafür", schrieb Ranta.

Es galt also, neue Ansätze für die Archivsuche zu finden. Zu Tommy Graham vermerkten schon die Credits auf der Groovband-LP „In Courtesy of Capitol Records". Einen Tom Graham, der bei Capitol unter Vertrag war, förderte das Internet zu Tage. Der Kanadier (!) hatte 1970 eine Platte namens „Whole Earth“ eingespielt. Und aktuell gab es in Toronto einen Produzenten für Weltmusik namens Tom Graham. Waren das ein und dieselbe Person? Vom Alter her würde Graham ins Profil passen und so schickte ich ihm eine Mail.

Bis zu einer Antwort galt es eine weitere Spur zu verfolgen. Einiges sprach dafür, dass die Musiker sich schon vor dem Moosknukkl-Projekt gekannt hatten, da auf der Platte doch auch „Mr. Spitalney, our Music-Teacher“ gedankt wurde. Gab es gemeinsame Spuren von vor 1973? Ja - im Archiv der Zeitung The Ottawa Journal. In einer Ausgabe von 1965 fand sich ein Artikel zu einer Beatband namens The Big Town Boys, die zu jener Zeit in Toronto bekannt war. Mitglieder unter anderem: ein Michael Lewis, ein Tommy Graham und ein Peter „Josh“ Collins!
Material zu den Big Town Boys findet sich auch
in einem Blog zweier Senioren über die Beat-Zeit in Kanada. Dort ist vermerkt, dass Michael Lewis die Band 1964 in Richtung Deutschland verließ, um in München zu studieren - dieses Puzzleteil passte exakt in jenes, was zur Vorgeschichte der Groovband bereits vorlag. Sicher war nun, dass hier der richtige Mike Lewis gefunden worden war. Und mit dem echten Namen von "Brother Josh" ließ sich nun auch dessen Werdegang ein wenig näher beleuchten. Noch 1973 hatte er mit dem späteren Udo-Lindenberg-Gitarristen Andy Marx die LP "Garden of Delight" aufgenommen, ebenfalls als Drummer zu finden ist Josh in diesem Werk. Und der Artikel aus dem Blog bestätigte noch etwas anderes: Der Produzent Tom Graham von heute war tatsächlich Tommy Graham von der Moosknukkl-Groovband-LP.

Kontakt

Das bestätigte Tom Graham dann auch selbst per Mail. Fast 30 Jahre nach dem Erwerb einer völlig unbekannten Platte hatte ich nun Kontakt zum in Kanada lebenden Gitarristen der Aufnahme. „Yes, thats me“, erklärte der Kanadier per E-Mail. Ja, an die Aufnahme der Platte erinnere er sich noch gut, schrieb er und lieferte gleich noch zwei Bandfotos mit, die nicht vom LP-Cover stammten. Von den wenigen Besitzern der Platte war ich nun wohl der einzige, der noch weitere Fotos der Band besaß. Das eine war ein schlichtes Bandfoto, das andere ein Schnappschuss aus den Aufnahmesessions (Foto rechts), es zeigte Conny Plank und - laut Erläuterung von Tom Graham - John Morton. Mit diesen Informationen war es nun auch erstmals möglich, dem Bandfoto auf der Platte die korrekten Mitglieder zuzuweisen.

Von links: John Morton, Mike Lewis, "Brother Josh" alias Peter "Josh" Collins und Tommy Graham

Was wusste Graham noch? Noch heute stehe er in Kontakt mit Josh Collins, ließ er wissen, der lebe in Montreal - so wie auch Mike Lewis! 
Noch bevor wir fragen können, ob er irgendwie einen Kontakt herstellen kann, hilft der Zufall. Die ersten Ergebnisse unserer Suche hatten wir auf dieser Seite im Herbst 2014 im Internet publiziert. Einige Wochen später erhielt ich eine Mail. „Coole Webseite", stand darin. „Ich habe meinem Vater davon erzählt - er ist sehr geschmeichelt.“ Absender war Julian Lewis - Mike Lewis‘ Sohn. Alle zwei Jahre, erzählte er, durchsuche er mal das Netz nach Spuren vom Werk seines Vaters. Und ja, der sei durchaus noch am Leben und würde meine Mailadresse bekommen. Tage später dann rettete ich nur durch Zufall eine Mail mit einem weiblichen französischen Namen aus all' den zweifelhaften Kontaktangeboten im Spam-Ordner. „Hallo, hier schreibt Michael Mike Lewis“, begann der Text darin. 


Nun löste sich die Frage, wie es zu der eigenartigen Konstellation mit der unbekannten Platte gekommen war. Lewis war 1971 angeboten worden, Musik für das Begleitprogramm der olympischen Spiele 1972 in München zu schaffen. Darin enthalten war neben Komposition und Auftritten die Möglichkeit, eine Platte aufzunehmen. Im Herbst hatte er bei einem Urlaub in Kanada Kontakt zu seinen alten Kollegen Collins und Graham aufgenommen. Ein junger Bassist aus Ottawa, John Morton, komplettierte das Quartett. Im März 1972 war man mit Conny Plank im Studio in Hamburg gewesen, einige Gigs in der Hansestadt waren gefolgt und im Sommer Auftritte auf dem Olympiagelände während der Spiele von München. Im Oktober verließen Graham, Morton und Collins Deutschland wieder in Richtung Heimat. 1973 erschien die LP, 3000 Stück waren gepresst worden. Vieviel davon verkauft? Keine Ahnnung, sagt Mike Lewis. 


Versehen mit diesen Infos fanden sich bestätigende Dokumente. In der offiziellen Abschlussdokumentation zu den Spielen von 1972 sind im kulturellenTeil (S. 253) die Groovband und Auftritte von Michael Ranta und Mike Lewis vermerkt.



Noch zwei Jahre hatte der Kanadier Deutschland die Treue gehalten und beispielsweise noch Filmmusik verfasst, für den Film „Die Verrohnung des Franz Blum“ des Regisseurs Reinhard Hauff (Hauptrolle: Jürgen Prochnow), vom selben Regisseur „Desaster“ mit Klaus Löwitsch und Ruth-Maria Kubitschek und Eva Mattes, sowie die Filme „Die Ameisen kommen“ und „Umarmungen und andere Sachen“ von Regisseur Jochen Richter. Einige Filmdatenbanken bringen hier übrigens den kanadischen Mike bzw. Michael Lewis mit dem walisischstämmigen Amerikaner Michael J. Lewis durcheinander. 


1975 zog Mike Lewis nach Kanada zurück. Dort hatte er sich nach eigenen Angaben mit Konzerten im Jazz- und R&B-Bereich, mit Musik für TV-Werbung, mit Soloprojekten und auch mal einem eigenen Studio über Wasser gehalten. Aktuell sei er halbwegs im Ruhestand, schreibt Lewis im Dezember 2014.


Das Ende der Recherche? Nein. Was aus Bassist John Morton wurde, wüsste auch er nicht, sagt Lewis. "Zum letzten Mal habe ich ihn 1975 bei einem Konzert in Ottawa gesehen", erinnert sich Tom Graham. Es gibt also noch was zu tun. (Jens, Januar 2015. Anregungen, Hinweise und Ideen an: moosknukkl@hotmail.com)